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Tabaluga


Rappe, schatt.Fl., gr.Schn.a.Rd.schatt., f.Vf.,r.Vfsl.,bd.Hf.w.
geb. 04.04.1993

Maße in cm:
 StockmaßBrustumfangRöhre
2½ jährig
volljährig16820321.6

Züchter:
F.E. Hollaender, Gestüt Berkenhoeve, Wenum-Wiesel/NL
Aufzüchter:
derselbe

Gekört 28.10.1995 in Neumünster

www.gestuet-isselhook.de.vu

Pedigree

Balzflug, R. 1986 Habicht, R. 1967 Burnus AAH, B. 1948 Lapis Ar.
68 Fenek V
Hallo, R. 1952 Goldregen
Handschelle
PS/PSP Balzjagd, Sb. 1979 Insterfeuer, F-Ro. 1967 Pelion
Insterfreude
Ballyvergin Lady xx, Sb. 1967 Seminole II xx
Some Sister xx
Tamora, Sb. 1987 Swazi xx, Db. 1973 Herero xx, F. 1959 Borealis xx
Horatia xx
Sayonara xx, R. 1965 Birkhahn xx
Suleika xx
Tamara VII, R. 1970 Maharadscha, Sch. 1957 Famulus
Marke
Toscana, R. 1960 Gabriel
Toska

Hengstlinie des Burnus AAH, Stutenfamilie der T 30 Toska (Hauptgestüt Trakehnen)

Eigentümer

1993-1995: F.E. Hollaender, Wenum/NL
1995-2007: Landgestüt Zweibrücken
seit 2008: Frank Weißkirchen, Raesfeld/NRW

Stationierung

1996-2007: Ldb. Zweibrücken RPS
seit 2008: Pb. Gestüt Isselhook / Raesfeld NRW

Eigenleistungen

Hengstleistungsprüfung 1997 in Marbach

Charakter: 9,0 Schritt: 6,25 (T 7,0)
Temperament: 8,0 Trab: 6,25 (T 8,0)
Leistungsbereitschaft: 8,0 Galopp: 6,75 (T 8,0)
Leistungsfähigkeit: 8,0 Springanlage: 8,0 Parc 7,0 FS 7,63
Rittigkeit: T: 7,0 FR: 7,0 Geländeprüfung: Gal 7,5 Spr 7,5
Rittigkeitsindex: 95,20 (16.) Springindex: 107,94 (11.)
Gesamtindex: 101,59 (16./29) Leistungsklasse:

Turniersporterfolge:
LGS 1,897 €

Nachzucht

Exterieur nicht gelistet, da erforderliche Mindestanzahl von 10 beim Trakehner Verband eingetragenen Töchtern nicht erfüllt.

Gekörte Söhne (0):

Töchter (8): Seringa, Liberte, Batida VI, Saba IV, Traumfee (Zw), u.a.

Nachkommen im Sport:
Eingetragene Turnierpferde:41
davon mit Platzierungen:9 (in 2007)
davon in Klasse M. und S.:-


Der Hengstmarkt 1995 – das Jahr des Gribaldi, aber auch das Jahr, in dem die späteren Spitzensportler und Elitehengste Solero und Polarion gekört wurden – war geprägt vom Motto „weniger ist mehr“. Scharfe Selektion im Vorfeld reduzierte die Zahl der Köraspiranten doch erheblich, und ein von der Qualität her deutlich besserer Jahrgang als 1994 ließ die Kassen der Aufzüchter und des Verbandes klingeln. 1995 war auch das Jahr, in dem Lars Gehrmann seinen Hengstaufzüchtern deutliche Worte mit auf den Weg gab: „Viele Hengste trugen offensichtliche Aufzuchtschäden mit sich“, so der damals gerade erst zwei Jahre im Amt befindliche Zuchtleiter. „Eine Hengstaufzucht verlangt heute optimale Haltungsbedingungen, und diese wurden leider nur von den wenigsten Hengsten repräsentiert.“ Das dürfte so Manchem zu denken gegeben haben …

Nicht ganz zufrieden zeigte sich TH-Berichterstatterin Betty Finke mit der Größe der Köraspiranten. Allerdings rechnete sie den schwarzen Tristano, der zum Lot der Gekörten zählte, mit seinen 1.66 m Stockmaß zu den Hengsten mit ausreichender Größe. Die Kommission urteilte über ihn: „Besonders wertvoll gezogener Rapphengst mit bedeutendem Körperbau, der sich durch gut entwickelte Breite und Tiefe auszeichnet. Im Vorderfuß etwas zeheneng, aber insgesamt kräftig fundamentiert. Macht sich groß in der Bewegung und vermittelt ein hohes Maß an gewünschter Sportlichkeit.“

85.000 Mark legte das Landgestüt Zweibrücken in Rheinland-Pfalz an, um sich diesen schwarzen Edelstein zu sichern – unter dem Namen Tabaluga war er für eine Vererberkarriere in der Landeszucht vorgesehen. Dann die Hoffnung, dass gerade dieser Hengst das übliche Muster durchbrechen und von einem deutschen Landgestüt aus die Trakehnerzucht maßgeblich beeinflussen würde, die hatte wohl niemand.

Dreizehn Jahre später ging an derselben Stelle der Stern des Tabaluga für die Trakehner wieder auf. Anlässlich des Hengstmarktes 2008 spielte der Gentleman unter den Beschälern seine absoluten Stärken brillant aus und brachte sich so bei der internationalen Trakehner Züchterschaft wieder ins Gedächtnis zurück.

Züchter Fred Hollaender vom Gestüt Berkenhoeve in der Nähe von Apeldoorn/NL hat sehr bedeutende Trakehner mit hohem Blutanteil gezogen, sein Augenmerk stets auf das Vielseitigkeitspferd gehalten. So stammt auch der Beschäler Houston aus seiner Zucht. Hollaender selbst ist engagierter Fahrsportler und konnte sich am Schaubild mit „seinem Tabaluga“ in Neumünster so richtig begeistern.

Doch zurück zu den Anfängen! Ganz stolperfrei schaffte „Tabs“, wie er im Gestüt Isselhook liebevoll genannt wird, seinen Weg in die Zucht nicht. 1996 in Adelheidsdorf scheiterte er zunächst an der vorgegebenen 90-Punkte-Marke des Trakehner Verbandes. Dass ein solches Scheitern gelegentlich durchaus positive Rückschlüsse zulässt, bewies Tabaluga in seinem späteren Leben mehr als eindrücklich. Oft sind es nämlich gerade die „anständigen“ und kooperativen Hengste, die bei solch einer Leistungsprüfung mit den schwächeren Reitern vorlieb nehmen müssen – die guten Reiter werden schließlich auf den schwierigen Hengsten gebraucht …

Ein Jahr später meisterte er die Hürde in Marbach problemlos – und bewies zwei Jahre später, dass er im Sport durchaus ein Wörtchen mitreden könnte, wenn man ihn denn ließe: Beim Bundeschampionat des 6-jährigen Geländepferdes kam er auf Platz 4 an. Mit einer ganzen Reihe von Erfolgen in Dressur-, Spring-, Gelände- und Fahrpferdeprüfungen demonstrierte der nervenstarke Hengst eindrucksvoll seine vielseitige Veranlagung. Seine Lebensgewinnsumme bis jetzt beläuft sich auf 1.897 €. Es gibt – auch in der Trakehnerzucht – kaum einen Hengst, der in allen vier Disziplinen ein Programm bis zur Klasse M beherrscht und im Übrigen noch dazu gelassen Sprünge durchs Feuer und über Seilchen beherrscht. Die Planungen des Gestüts Isselhook gehen dahin, den Hengst noch einmal vermehrt im Sport zu zeigen.

Ein Landbeschäler in Privatbesitz? Ja, auch das gibt es inzwischen gar nicht mehr so selten. In Zeiten knapper Kassen müssen auch die Landgestüte rechnen. Frank Weißkirchen hatte die Anfrage einer finnischen Hengststation vorliegen, die auf der Suche nach einem vielseitig vererbenden Trakehner als Ergänzung zum Vollblüter Ruffian Reef xx war. Er dachte sofort an Tabaluga, dessen Vererbungspotenzial er weit höher einschätzte, als es die reinen Zahlen in Zweibrücken widerspiegelten. Doch im Landgestüt stieß er diesbezüglich auf taube Ohren. Aufmerksam wurde man dort auf den in der Vermarktung recht engagierten Trakehnerfreund erst, als er den Vollblüter Ocamonte xx innerhalb kürzester Zeit zu vermitteln vermochte. Doch dann zierten sich die Finnen und wollten den Hengst nurmehr kurzfristig leasen. Weißkirchen packte die Gelegenheit beim Schopf und bot an, Tabaluga selbst zu übernehmen. Seit Februar 2008 hat Tabaluga also sein neues Zuhause auf dem Gestüt Isselhook im westfälischen Raesfeld.

Und der Hengst durfte sich erst einmal an ein neues Leben gewöhnen. Freilich erfährt ein Trakehner in einem Landgestüt nicht den Zuspruch – in züchterischer Hinsicht ebenso wie im Umgang –, den der umsorgte Pascha einer kleinen Hengststation genießt. Und freilich hat niemand in einem Landgestüt mit vielen Hengsten die Zeit, sich so intensiv mit einem einzelnen Hengst zu befassen, wie es ein sensibler Trakehner gern hätte. Das ist nun mal so. Inzwischen hat „Tabs“ in Frank Weißkirchen seinen „Männerfreund fürs Leben“ gefunden; er setzt nur zu gern wieder sein Lausbubengesicht auf – und hat merklich Spaß am Leben.

Tabaluga führt fast 60% Vollblut in seinen Adern, sein Pedigree lässt die Freunde von Blut und Leistung mit der Zunge schnalzen. Habicht und Swazi xx dürften ohnehin über jeden Zweifel erhaben sein, der selbst im Sport hochbewährte Balzflug, der stahlharte Insterfeuer, mit Burnus und Maharadscha der Schuss arabisches Blut, der jedes Pedigree veredelt, dazu die junge, aber mit Sportpferden zuhauf aufgefallene Familie der Ballyvergin Lady xx und die beiden Trakehner Hauptgestütsfamilien der Handschelle und der Toska, das Ganze garniert mit einer geradezu einmaligen Vielseitigkeit und einem erstklassigen Nervenkostüm – wer da nicht ins Schwärmen gerät …

Tabalugas absolute Stärke ist sein kaum zu toppendes Interieur. Der Hengst ist bei weitem keine Schlaftablette und kann – vor allem in Gegenwart von Stuten – schon den großen Angeber markieren. Aber er ist ein Gentleman feinster Sorte, in jeder Situation am seidenen Faden oder mit der puren Stimme zu handhaben. Dass man mit ihm wirklich jedes Kind losschicken kann, das bewies er anlässlich des letzten Gala-Abends in Neumünster, wo er im Nachtschaubild brillierte, tags darauf die Demonstration der Fahrausbildung gelassen präsentierte und anschließend – auf besonderen Wunsch der Jungzüchter – fürs Vormustern zur Verfügung stand.


DER VATER

Balzflug ist ein von Abstammung, Eigenleistung und Vererbung her außergewöhnlicher Trakehner Hengst. Der 1986 geborene Rappe aus der Zuchtstätte Rigal-Kriegsheim, Hof Götterswick im rheinischen Voerde, hat Habicht zum Vater. Dieser im Vielseitigkeitssport unter Martin Plewa hocherfolgreiche Sohn des Angloarabers Burnus, der seinerseits mit Dr. Reiner Klimke vor dessen Dressurkarriere im Busch internationale Erfolge sammelte, war und ist eine Säule der Trakehner Leistungszucht in der Nachkriegszeit. Seine Nachkommen sammeln bis heute Erfolge in allen Disziplinen auf internationalem Niveau: Livius v. Habicht und Ann Kursinski (USA) waren in den Achtzigerjahren hocherfolgreich im Springen, Windfall v. Habicht war 2003 laut WBFSH-Weltrangliste der beste Eventer weltweit – um nur zwei herausragende Nachkommen zu nennen. Erst beim Hengstmarkt 2008 feierte man den längst verblichenen Heroen des Gestüts Hörstein mit einem eigenen Schaubild. In unserer Datenbank sind mit EH Parforce, EH Sixtus und Vivus bereits drei seiner zwölf Söhne portraitiert worden.

Balzflugs Mutter, die doppelt prämierte Balzjagd, wurde Mutter von zwölf Fohlen und war dreijährig von Dr. Eberhard von Velsen mit 1.70 m Stock und 20.0 cm Röhrbein und der Bewertung 8,8,8/9,8 eingetragen worden. Zu ihrer Nachzucht gehören Bechamel v. Habicht, der für den seinerzeit exorbitanten Preis von 170.000 Mark über die PSI-Auktion ging; Balzgesang v. Habicht, der 3. im Bundeschampionat des Deutschen Geländepferdes wurde; die doppelt prämierte SLP-Jahrgangsbeste Balz v. Habicht, deren Mackensen-Tochter Belle Fleur unter Katja Camp im Dressursport erfolgreich bis Klasse S geht und deren Partout-Tochter Belle Epoque ebenfalls doppelt prämiert ist; Ballentine v. Habicht, die mit 8,8,7/9,8,7/8 eingetragen wurde, 1994 Championesse der niederländischen Eintragung wurde und Mutter des Hengstes Ballentines v. Gribaldi ist, sowie Balzruf v. Habicht, die ihre Stutenleistungsprüfung in Warendorf gewann.

Balzjagd war eine Tochter des harten, aber nicht immer ganz einfach vererbenden Rotschimmels – oder besser Chestnut Roan – Insterfeuer. Großen Rahmen, guten Rassetyp und beste Reitpferdepoints bescheinigte man dem in den Niederlanden aufgewachsenen Vertreter der von Schrötter’schen Inster-Familie bereits bei seiner Körung im Alter von vier Jahren in Krefeld. Raumgriff, Schub und Energie im Bewegungsablauf wurden besonders gelobt. „Eisenhartes Vielseitigkeitspferd“, hieß es bei der Leistungsprüfung. Er deckte in den Niederlanden, in Deutschland und in Österreich; seine Zuchtbilanz beläuft sich auf zwei gekörte Söhne und 35 eingetragene Töchter.

Balzjagds Mutter Ballyvergin Lady xx, eine Enkelin des großen Nasrullah, importierte Vielseitigkeitsreiter Jörg Freiherr von Imhoff 1973 aus England. In seiner Zucht und in der Zuchtstätte von Rigal-Kriegsheim wurde die Stute in vier Zuchtjahren bis zu ihrem Tod im Alter von 14 Jahren Mutter von vier Fohlen. Ihre nach dem deutschen Vollblüter Pasteur xx gezogene Tochter Bachcantate xx ging nach Sporterfolgen in der Vielseitigkeit bis Klasse L in die Trakehner Zucht und setzte sich mit den beiden internationalen Vielseitigkeitspferden und Trakehner Elitestuten Banteer und Bunbury ein Denkmal. Die Tochter Balzjagd, doppelt prämiert und auf einer Trakehner Bundesschau gezeigt, bewährte sich in Voerde mit zwölf ausgezeichneten Fohlen. Der Schwarzschimmel – oder besser Black Roan – Bukephalos v. Insterfeuer ging erfolgreich im Vielseitigkeitssport bis Klasse M (CCI**). Er hatte schon wegen seiner Größe und seiner ungewöhnlichen Farbe kaum Zuspruch in Deutschland und wurde 1991 nach Kanada verkauft, wo er sich mit dem in Deutschland gezogenen Heling und Hilton vorzügliche Nachfolger in der Zucht schuf.

Balzflug, von der Zuchtleitung als „großrahmiger, nobler Rappe aus interessanter Blutkombination, mit energischem Gesichtsausdruck, langer Halsung, der man vielleicht etwas mehr Aufsatz wünscht. Großzügig ausgelegt in allen Partien, korrektes Fundament; große Bewegungsmechanik mit sehr viel Untertritt und stets über den Rücken“ beschrieben, begann seine Karriere als Reservesieger seiner Hengstleistungsprüfung in Warendorf. Von Anfang an bezog er eine Beschälerbox auf der renommierten Station van Uytert im niederländischen Ammerzoden, wurde vom Belgischen Zuchtverband und vom KWPN anerkannt.

Balzflug begann eine Karriere als Dressurpferd, war u.a. Sieger der Belgischen Dressurmeisterschaften. Er galt als einer der hoffnungsvollsten Dressurhengste, als er gerade zwölfjährig an Gehirnbluten einging. Der niederländischen Warmblutzucht hinterließ er drei gekörte Söhne aus Müttern von De Niro, Jazz und Montecristo. Der deutschen Trakehnerzucht blieben nur vier Töchter und zwei Söhne: Tabaluga, der ins Landgestüt Zweibrücken ging, und der 1992 geborene Tulipan aus der Vollblüterin Tempeltänzerin xx v. Priamos/Kaiseradler. Der Schwarzbraune scheiterte nicht nur an der HLP 1995 in Warendorf, er erwies sich auch noch als kaum fruchtbar, weswegen er züchterisch nicht zum Zuge kam.

In den Niederlanden genießt Balzflugs Nachzucht hohe Wertschätzung im Sport – für 2008 weist der KWPN für diesen Hengst einen Zuchtwert Dressur von 136 aus, bei 92%iger Sicherheit. Letzte im Turniersport in Deutschland noch aktive Tochter des Balzflug ist die auch im Stutbuch eingetragene Maraunen a.d. Mirabell VI v. Pasteur xx (Z: Ute Kirch), die unter Elke Poxleitner Erfolge in Spring- und Vielseitigkeitsprüfungen der Klasse A hat. Seine Enkelin Karamela v. Uljanoff u.d. Kaprice XI geht Dressur der Klasse A.


DIE MUTTER

Tabalugas Mutter Tamora vertritt einen der kleinsten aus dem ehemaligen Hauptgestüt Trakehnen geretteten Stutenstämme, deren Begründerin Toska sich – je nach Geschmack des Chronisten – mal mit c und mal mit k schreibt. Gleichwohl ist Tabaluga bereits der zweite gekörte Hengst aus dieser Familie, denn der Lateran-Sohn Tassilo wirkte lange Jahre – wenn auch mit sehr wenig Spuren in der Trakehner Reinzucht – segensreich im Haupt- und Landgestüt Marbach, wo seine Kinder ihrer Springambitionen wegen recht beliebt waren.

Tamora selbst war eine schwarzbraune, abzeichenlose Stute von 1.67 m Stockmaß mit 20.5er-Röhre. Dr. Eberhard Senckenberg trug sie dreijährig mit der Top-Bewertung 8,8,8/9,8 ein, womit sie Siegerstute ihrer Zentralen Eintragung war. Das Napoleon-Quatre-Hengstfohlen, das sie damals trug, ging dreijährig als Reitpferd in Freizeitreiterhände.

1993 brachte Tamora von Balzflug den später gekörten Hengst Tabaluga. Tragend vom damaligen Berkenhoever Beschäler Mozart, verkaufte Fred Hollaender die Stute in die USA an den gebürtigen Niederländer Henry Schurink, aktives Mitglied in der Zuchtkommission der ATA. Während der Mozart-Sohn von Tamoras ebenfalls in die USA verkaufter Halbschwester Topaz v. Herzbube unter dem Namen Tron von der ATA anerkannt wurde, hatte Tamoras Mozart-Fohlen nach Trächtigkeitsproblemen seiner Mutter einen sehr schweren Start in sein kurzes Leben. Und der Herrgott hatte für Tamora eine andere Laufbahn vorgesehen als Familie Schurink: Sie wurde trotz aller Bemühungen nicht mehr tragend und ist noch heute – 21-jährig – fittes und geliebtes Reitpferd von Schurinks Enkeltochter.

Tamora war eine Halbblutstute und hatte keinen Geringeren zum Vater als den in Trakehnerkreisen fast schon legendären Schlenderhaner Swazi xx. Der 1973 geborene Dunkelbraune, der nur 19 Jahre alt wurde, gehört zu den Top Five der Vollblutvererber in der Trakehnerzucht nach dem Zweiten Weltkrieg, gemessen an der Zahl der eingetragenen Töchter. Insbesondere über seinen bedeutenden Sohn Consul nahm Swazi xx großen Einfluss auf das Zuchtgeschehen, sein ebenfalls gekörter Sohn Grand Prix war international erfolgreiches Vielseitigkeitspferd unter Ingrid Klimke. Swazis 36 eingetragenen Töchter machen ihn zum populärsten Vollblutvererber der Achtzigerjahre.

Swazis Vater Herero stammt aus irischer Vollblutzucht, war auf Hyperion und mehrfach auf dessen Vater Gainsborough ingezogen. Er gehörte dem Gestüt Römerhof und siegte im Henkel-Rennen und im Deutschen Derby unter Hein Bollow. Unter seiner Nachzucht mit Bedeutung für die Warmblutzuchten ist neben Swazi xx vor allem der DLG-Preisträger Griseldo xx zu erwähnen, der vom Landgestüt Warendorf aus einige hervorragende Produkte für die Landeszucht lieferte.

Swazis Mutter Sayonara entstammt einem der berühmtesten und erfolgreichsten Schlenderhaner Stutenstämme, der Schwarzgold-Familie. Zu ihrer eigenen Nachzucht gehört neben Swazi xx der Sieger des Englischen Derbys, Slip Anchor, und der ebenfalls in der Warmblutzucht eingesetzte Saros xx, der bei den Trakehnern vor allem als Muttervater des Houston bekannt wurde, aber in den Niederlanden u.a. mit Olympic Balthazar (Eric van de Vleuten, Springen) und Olympic Condor (Dressur) überragende Sportpferde lieferte. Sayonaras Halbbruder Shogun xx wirkte sehr erfolgreich vom Landgestüt Celle aus; Sayonaras Halbschwester Saxifraga ist Großmutter des Saphir, der u.a. als Muttervater des Holsteiner Verbandshengstes Cyrkon xx im heutigen Zuchtgeschehen vertreten ist.

Tamoras Mutter Tamara VII war eine 1970 geborene Rappstute, die in den Zuchtstätten Gestüt Neversfelde (v. Schöning), Molenaar, Zaandam/NL und Gestüt Berkenhoeve, Apeldoorn/NL eingesetzt war. Herr von Bernstorff trug sie mit den Maßen 1.60/20.0 und der Bewertung 2,2,2/2,1 ein. Bis zu ihrem Ausscheiden aus der Zucht im Alter von 21 Jahren brachte sie zwölf Fohlen, fünf ihrer sieben Töchter wurden im Stutbuch eingetragen: Tamarinde v. Tannenberg wurde Mutterstute in Holland, Topaz v. Herzbube und Tioga v. Mozart gingen in die USA, Tiffany V v. Mozart und Tamora v. Swazi xx nahmen den Platz ihrer Mutter in der hiesigen Zucht ein.

Tamaras Vater Maharadscha, „ein ungewöhnlich schöner, ausdrucksvoller Hengst arabischer Prägung, aber in großem Format“, zählt trotz schwerer Verletzung in seiner Jugend zu den prägenden Vererbern der Nachkriegszucht. In den Gestüten Vogelsangshof, Birkhausen, Rantzau und vor allem Schwaighof vermochte der Sohn des Halbarabers Famulus und der gangstarken, äußerst vitalen ostpreußischen Treckstute Marke in 16 Zuchtjahren elf gekörte Söhne und 82 eingetragene Töchter zu stellen. Größte Bedeutung erlangte er innerhalb seiner Hengstlinie des Fetysz ox als Vater von Flaneur und damit Großvater von Arogno. Zu seinen besten Töchtern zählen Abdullahs Mutter ElSt. Abiza und Fawiza, die Mutter von Fabian und Falke, sowie Sylveleine, Mutter der ElSt. Suleiken IV.

Tamaras Mutter Toscana dürfte, an der Nachzucht gemessen, wohl bislang die bedeutendste Vertreterin ihrer Stutenfamilie sein. Die Rappstute von gerade mal 1.57 m Größe, die Ulrich Poll seinerzeit mit der Bewertung 2,3,2/3,3 eintrug, brachte zwölf Fohlen, bevor sie 20-jährig nach der Geburt ihres letzten Fohlens einging. Züchter Dr. Kreuter in München, Familie von Kameke in Grabau und Frau Godau in Baden-Baden zeichnen als Züchter der Toscana-Fohlen verantwortlich, darunter das M-Dressurpferd Tosar v. Inselkönig, das M-Vielseitigkeitspferd Tosenka v. Sleipnir und das M-Springpferd Toscha v. Sleipnir. Borislaw v. Borys ox und Toskaner v. Keith waren ebenfalls im Turniersport unterwegs, Geld haben sie allerdings keines gewonnen.

Toscanas Tochter Tosca II v. Sultan ox wurde Mutter von drei eingetragenen Töchtern. Das M-Springpferd Toscha v. Sleipnir, im Leistungsstutbuch D geführt und auch in Hannover eingetragen, brachte zehn Fohlen, von denen sechs in kleineren Turniersportprüfungen eingesetzt waren, am erfolgreichsten die doppelt prämierte, auf einer Landesschau gezeigte Tosife v. Iglesias, die Springen bis Klasse L ging.

Toscanas Vater Gabriel, ein wuchtiger Rappe mit starkem, korrektem Fundament, gilt heute als „verkanntes Genie“ in Sachen Dressurvererbung. Obwohl ihn das Gestüt Rantzau zwei Saisons lang nutzte, wechselte er doch zu Lebzeiten fast jährlich die Station; 13-jährig wurde er dann nach Dänemark abgegeben und dort zwei Jahre später wegen mangelnder Befruchtung getötet. Der Hengst vertrat den Pythagoras-Zweig der Dampfross-Linie, seine Mutter war eine Enkelin des Jagdheld. Gabriel hinterließ der Zucht mit dem recht derben achtfachen Hengstvater Boris aus Dohna’scher B-Familie, dem Dressurpferdemacher und Hyllos-Vater Halali aus der Halensee-Familie des Hauptgestüts sowie dem vor allem in der rheinischen Warmblutzucht bedeutenden Warendorfer Landbeschäler Garamond sehr gute Söhne. Unter seinen 34 Trakehner Töchtern sind vor allem Hans-Christian Försts Elitestute Arwa und die Familienbegründerin des Schwaighofs, Flocke IV, zu nennen.

Toscanas Mutter Toska wurde nach dem Krieg ohne Abstammungsnachweis aufgefunden, der Brand der einfachen Elchschaufel auf dem rechten Hinterschenkel wies sie jedoch als Stute aus dem Hauptgestüt aus. Sie war braun, hatte 1.60 m Stockmaß und 20.0 cm Röhrbeinumfang. Ihr Geburtsjahr wurde auf 1941 geschätzt, und Dr. Fritz Schilke trug sie mit der Bewertung 1,2,2/2,2 ins Hauptstutbuch ein. In den Zuchtstätten von Dr. Gugel in Düsseldorf und Dr. Kreuter in München brachte die Stute bis zu ihrem Tod 1962 drei Fohlen. Von Bedeutung waren der 1958 geborene Schimmel Tassilo v. Lateran, der eine Beschälerbox im Haupt- und Landgestüt Marbach bezog, und die einzige eingetragene Tochter Toscana v. Gabriel, die die mütterliche Familie in der Zucht erhielt.


NACHZUCHT

Tabaluga ist trotz seines relativ hohen Blutanteils sicher kein Veredler für die Trakehner Population. Im Gegenteil, er bietet sich aufgrund des Blutanschlusses sogar insbesondere für Blutstuten an. Dass er in aller Regel ein sehr stabiles Fundament und ein absolut tadelfreies Interieur mitgibt, macht ihn fast schon zum idealen Partner von Blutstuten.

So stellte etwa die Zucht von Volker Arzt – dessen Sohn Christoph anlässlich einer Schau in Zweibrücken mit Tabaluga auch schon mal Seilspringen demonstrierte – mit der Staatsprämienanwärterin Traumfee, aus einer Blutstute v. Medicus xx gezogen, eine besonders hoch bewertete, sehr typvolle Vertreterin auf der Eliteschau in Zweibrücken. Seringa a.d. Soiree xx v. M-Lolshan und Batida VI a.d. Baccara-Rose xx v. Kronenkranich sowie Saba IV a.d. PrSt. Sahel v. Sixtus, eine Enkelin von Gestüt Hörsteins irischer Familienbegründerin Shannon Symphony xx, sind im Trakehner Stutbuch eingetragen.

Ein Nachfolger in der Zucht ist Tabaluga bisher sowohl bei den Trakehnern als auch in Zweibrücken verwehrt geblieben. Acht Töchter fanden bisher Eintragung in den Zuchtbüchern der Warmblutverbände, in denen der Hengst Anerkennung genießt.

Im Sport gibt es bisher 41 registrierte Tabaluga-Nachkommen, die bis Ende 2007 insgesamt 4.191 € auf deutschen Turnierplätzen gewannen, darunter für die Saison 2008 auch fünf erfolgreiche Trakehner. Montgomery a.d. Maharani VII v. Marlo ist unter Iris Sackmann in Dressur bis Klasse L erfolgreich, ebenso Bon Jovi a.d. Barcarole II v. Etong unter Miriam Kuhna. Der Zweibrücker Tristan geht Springen bis zu selben Klasse.

In seiner ersten Decksaison im Gestüt Isselhook bekam Tabaluga – zum Erstaunen des rührigen Besitzerehepaars Weißkirchen – die erkleckliche Zahl von 14 Stuten zugeführt. Und, was noch wichtiger ist: Es waren sehr qualitätvolle Stuten, Trakehner, Vollblüterinnen und solche der verschiedenen Landeszuchten. Nach dem sehr gelungenen 2008er-Fohlen aus einer Turnus-Mutter im Gestüt St. Vitus in Bayern freuen sich Frank und Inge Weißkirchen schon auf die Fohlenschauen 2009. Dabei bleibt Weißkirchen, was seinen „Männerfreund“ angeht, aber durchaus auf dem Teppich: „Wir werden sehen, wie er sich vererbt. Wenn er unsere Hoffnungen diesbezüglich nicht erfüllt, bleibt er noch immer ein Klasse-Pferd!“

© Karin Schweiger 2008
Fotos: privat, Hengstbuch (Werner Ernst)